Schwäche des Nein-Segens

Britta schält ihren Vierjährigen in der Kindergartengarderobe aus dem Schneeanzug, dabei drückt sie sich unauffällig in die Ecke, um auch unentdeckt wieder das Gebäude verlassen zu können. Aber da hat es Britta auch schon erwischt: Die stets engagierte Erzieherin, deren Augen immer überall sind, stürzt auf sie zu: „Gut, dass ich Sie sehe, Frau Glasbergen!“ Und mit diesen Worten drückt sie der sich geschlagen gebenden Britta einen Zettel in die Hand: „Die Kuchenliste ist immer noch nicht voll. Eigentlich wäre das ja Sache unserer Elternvertreterin. Aber, na ja, Sie wissen ja … Bei Ihnen ist das einfach in verlässlichen Händen.“
custmindsKlimper, klimper – warum haben Erzieherinnen nur so ein nettes Lächeln? Wer kann da noch „Nein“ sagen? Britta Glasbergen jedenfalls nicht und ehe sie sich versieht, läuft sie dann mit der Kuchenliste von Mutter zu Mutter.
„Warum tue ich das nur schon wieder“, denkt sie verzweifelt. Hatte sie sich für heute Morgen nicht etwas ganz anderes vorgenommen?

Linda wollte nur noch mal auf einen Sprung in die Stadt, in die netten Läden. Ach, das braucht ihre Seele jetzt einfach, sie will ja nur ein wenig herumstöbern. Ja, ja, ihr Kontostand ist ihr bewusst. Aber was sehen ihre verzückten Augen dort gerade vor ihrer Nase hängen? Solch eine zauberhafte Bluse zu diesem günstigen Preis. Das wäre ja eine Schande, da nicht zuzugreifen! Und schon klingelt im Laden die Kasse. Noch gehört ja Linda auf keinen Fall zu diesen Menschen, die dreißig Paar Schuhe im Regal stehen haben. Naja, nicht ganz – jedenfalls Marion ist nach langjähriger Kinderpause und Aufbaustudium in den Beruf eingestiegen. Die erste Adventszeit naht und Marions Familie ist zunehmend irritiert: Die Mama und Ehefrau funktioniert nicht wie gewohnt, nichts ist wie in den vergangenen Jahren und doch wohl wie zu Recht erwartet: Der adventliche Fensterschmuck ist längst nicht so üppig wie gewohnt, das Plätzchenbacken fällt aus, und wann gab’s eigentlich das letzte gemütliche Adventsstündchen? „Meine Familie hat schnell reagiert und mir prompt ein schlechtes Gewissen gemacht. Und mein Problem ist: Ich habe es auch. Dabei weiß ich ganz genau, dass es jetzt nicht anders geht“. Marion ist ratlos.
Die Beispiele zeigen, wie variantenreich sich die Schwäche des Nein-Segens und des Vermögens, sich – wo nötig – abzugrenzen im alltäglichen Leben zeigt. Egal, ob wir beim Blusenkauf wie Linda nicht widerstehen können oder Bitten anderer Menschen auch entgegen unserem Willen entsprechen wie Britta oder andere Menschen einfach so in unser Leben eindringen lassen – die Vorteile liegen auf der Hand: Man kommt in den Genuss eines kurzen Lustgewinns und erfährt eine bestimmte Form der positiven Zuwendung. Und … viele suchen nach Menschen, bei denen man abladen kann. Und die Wirtschaft blüht auf durch Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen.

Und außerdem gilt es zu bedenken: Wir leben alle davon, dass Menschen nicht nur „Nein“ sagen, sondern eben auch mit anpacken. Nicht immer nach dem eigenen Nutzen fragen, berechnend leben, sondern auch etwas von sich preisgeben. Aber wo ist die Grenze?

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